Montag, 19. Oktober 2026

Das Aichacher Provisorium

Ein kleiner Ausflug in die Aichacher Stadtgeschichte

Heute verlassen wir für einen Augenblick das mittelalterliche Aichach und machen einen Sprung ins Jahr 1895.

Denn auch Jahrhunderte nach Margaretha und Simon gab es in Aichach Menschen, die es faustdick hinter den Ohren hatten.

Einer davon war der königlich-bayerische Postmeister Johann Pollinger.

Der Aichacher Postmeister, der sich selbst Briefe schrieb – und damit Geschichte machte

Es war der 4. September 1895. In Aichach ging alles seinen gewohnten Gang. Nur bei der bayerischen Post hatte man ein kleines Problem.

Die Postgebühren waren geändert worden. Die neuen Zwei-Pfennig-Nachportomarken standen jedoch noch nicht überall zur Verfügung. Also hatte die königlich-bayerische Postverwaltung kurzerhand graue Drei-Pfennig-Marken mit einer roten Zwei in allen vier Ecken überdrucken lassen.

Eine vorübergehende Lösung. Schließlich sollte in Bayern alles seine Ordnung haben.

In Aichach amtierte damals Johann Pollinger (1857–1925). Und dieser Herr Pollinger scheint nicht nur ein gewissenhafter Beamter gewesen zu sein. Er besaß offenbar auch ein bemerkenswertes Gespür für seltene Gelegenheiten.

Denn was tat er an jenem Septembermorgen?

Er schrieb drei Briefe. An sich selbst!

Auf jedem klebte unter anderem ein waagerechtes Paar jener provisorischen Zwei-Pfennig-Marken. Alle drei Briefe wurden zwischen zehn und elf Uhr vormittags ordnungsgemäß abgestempelt.

Dann geschah etwas Bemerkenswertes.

Nach 14 Uhr traf ein Telegramm der bayerischen Postverwaltung ein. Die regulären Marken waren inzwischen verfügbar. Die Provisorien wurden nicht mehr benötigt und mussten umgehend zurückgeschickt werden.

Pollinger hatte gerade noch rechtzeitig gehandelt.

Ob der Postmeister bereits ahnte, welchen Schatz er da geschaffen hatte, wissen wir nicht. Aber ein wenig Geschäftssinn darf man einem Aichacher schließlich zutrauen.

Sechs Marken auf drei Briefen – und eine philatelistische Legende war geboren.

Zwei der Briefe wurden im Laufe der Jahrzehnte zerschnitten. Einer konnte später aus erhaltenen Teilen wieder zusammengesetzt werden. Nur ein einziger blieb vollständig erhalten.

Dieser gelangte in die Sammlungen weltberühmter Philatelisten, darunter Baron Philipp von Ferrary, der als einer der größten Briefmarkensammler aller Zeiten gilt.

Im Jahr 2009 wurde der Brief für sagenhafte 130.000 Euro versteigert. Im Frühjahr 2026 stand er erneut zum Verkauf.

Nicht schlecht für einen Brief, der Aichach nie verlassen musste!

Und Johann Pollinger?

Der hätte vermutlich seine Freude daran gehabt. Drei Briefe an sich selbst – und noch 130 Jahre später spricht die Sammlerwelt davon.

Manchmal schreibt eben auch ein Aichacher Postmeister Geschichte.

Und mit Margaretha, Simon und der Branntweinerin geht es anschließend natürlich weiter.

#Aichach #WittelsbacherLand #Bayern #Philatelie #Geschichte

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